Karstadt für alle – nicht für die Bundeswehr!

Das Karstadt-Gebäude am Leopoldplatz ist seit fast drei Jahren zu und immer noch gibt es keine Lösung für eine sinnvolle Nutzung. Beteiligungsverfahren für Anwohnende wurden zwar vollmundig angekündigt, aber nie umgesetzt. Die Versicherungskammer Bayern will soziale Projekte in einen Container verbannen und schließt auch eine Nutzung der Fläche für ein Musterungszentrum nicht aus (rbb Bericht 21.11.2025). Die Wünsche der Weddinger werden ignoriert!

Wir sagen klar: Wir sind gegen die Militarisierung unseres Alltags. Keine Rekrutierung im Kiez. Kein Werben für’s Sterben zwischen Späti und Spielplatz.
Das „Karstadt Netzwerk am Leo“ hat ein Positionspapier erarbeitet, welches wir mit unterzeichnet haben. Hier teilen wir dieses Papier!

Positionspapier zur Nutzung des alten Karstadt Gebäudes am Leopoldplatz 

Aktuelle Lage Karstadt, Situationsbeschreibung Zustand Gebäude

Noch vor ein paar Monaten hat uns Kai Wegner versprochen, dass im Karstadt „aus einem Ort des Leerstands ein Raum für gemeinsames Gestalten werden kann – offen für Ideen, Talente und Zukunftsperspektiven.“ Stattdessen beobachten wir jetzt, wie im Wedding ein weiterer Ort zum Schauplatz von intransparenten Verhandlungen wird. Wir sind enttäuscht über die fehlende ernsthafte Beteiligungsmöglichkeit, die sich nun seit 3 Jahren fortsetzt. Es ist schwer, das Gefühl zu unterdrücken, dass die Politik den Interessen des Unternehmens unterliegt, anstatt den zivilgesellschaftlichen Initiativen und Forderungen gerecht zu werden. 

Eine andere Zukunft wäre möglich gewesen:
Vor der Schließung des Karstadt 2023 führte Signa Dezember 2022 zusammen mit dem Bezirksamt Mitte ein Beteiligungsverfahren durch, an dem circa 200 anwesende Interessierte, Anwohnende und Vertreter*innen von Verdi beteiligt waren. Darin wurde ein Ort gefordert, der gemeinnützige Angebote schafft und ein Treffpunkt für verschiedene Generationen wird. Die dringendsten Bedarfe waren soziale Beratungsangebote, bezahlbare Gastronomie, Räume für kulturelle Veranstaltungen, während sich deutlich gegen ein “Bürohaus”, Hotel und Luxuswohnungen ausgesprochen wurde, die eine Verdrängung von Weddinger*innen mit sich zieht. Als lokale, selbstorganisierte und gemeinwohlorientierte Initiativen aus dem Wedding beobachten wir, dass solche unkommerziellen Räume immer weniger werden, obwohl sie zentral für gesellschaftlichen Zusammenhalt sind.

Nach der Schließung, mit der die Mitarbeiter:innen ihre Anstellungen, kurzen Arbeitswege und den starken Zusammenhalt in ihren Teams verloren, und mit der Übernahme durch die Versicherungskammer Bayern (VKB) wurden diese Pläne über Bord geworfen. Und trotz ursprünglicher Bereitschaft für eine Umgestaltung der ersten Etage für eine kulturelle Zwischennutzung, weigert sich jetzt die VKB aus Kostengründen solche Pläne durchzusetzen. Das zeigt die Intransparenz in den Entscheidungsprozessen und die Diskrepanz zu der Dringlichkeit, den Bedarfen und sozialen Realitäten der nachbarschaftlichen Umgebung. Zwischennutzungen, die eine kurzfristige Aufwertung von Immobilien und ihren Umgebungen bezwecken, tragen in hohem Maße zu Gentrifizierungsprozessen in unseren Kiezen bei. Profit steht hier sichtlich über Menschen. Es klingt wie ein trauriger Scherz, wenn nicht sogar wie eine Abwertung von sozialer und künstlerischer Arbeit, wenn von der VKB Container im Hinterhof angeboten werden als vermeintlich adäquate Alternative zu einer 5.500m² „offenen Etage“ für die Nachbarschaft im ersten Stock des ehemaligen Karstadt.

Bedarfe und Lage im Wedding

Die Schließung des Karstadt-Gebäudes steht im Zeichen einer stadtweiten Entwicklung der Verdrängung und Gentrifizierung. Dies hat zur Folge, dass Weddinger:innen unter gesundheitlicher, seelischer und sozialer Unterversorgung leiden und noch stärker von Verdrängung betroffen sind. 

Als Herzstück der Müllerstraße und wichtiger Identifikationsort im Wedding ist es unabdingbar, dass die Zukunft des Karstadt-Gebäudes nah an den Bedarfen der Nachbarschaft gestaltet werden soll. Das bedeutet, dass ein offenes, inklusives und gemeinwohlorientiertes Stadtteilzentrum, das Raum für Begegnung, Kultur, Bildung, medizinische und soziale Angebote bietet, entstehen soll. Wir wollen günstige bzw. kostenlose, flexible Flächen für Vereine, Initiativen und zivilgesellschaftliche Projekte sowie einen vielfältigen Nutzungsmix aus Kunst, Kultur, Gastronomie und niedrigschwelligem Einzelhandel. Dabei soll die Diversität des Quartiers sichtbar sein – mit Angeboten für Senior*innen, migrantisierten Menschen, Arbeiter*innen, Studierende, Jugendliche, Familien und Kinder. Wir wollen einen Raum, der sozial, barrierearm sowie möglichst sicher für alle ist. Der leerstehende Karstadt am Leo hat aufgrund seiner Lage und Geschichte das Potenzial, sich zu einem zukunftsweisenden Nachbarschaftszentrum mit Übertragbarkeit auf andere Orte  zu entwickeln.

Zwischennutzung mit langfristigen Perspektiven

Zwischennutzung kann für uns nur ein erster Schritt sein, als Ausgangspunkt für eine langfristige Bespielung des Gebäudes durch lokale Initiativen, Vereine und zivilgesellschaftliche Akteur*innen. Wir bringen Expertise, Vernetzung und lokales Wissen mit und fordern, dass wir nicht nur Räume kurzfristig füllen, sondern von Beginn an Teil der Frage sind, wie dieser zentrale Ort im Wedding dauerhaft gestaltet wird. Die Zwischennutzung muss deshalb die langfristige Perspektive bereits in sich tragen: Strukturen, Netzwerke und Prozesse, die heute entstehen, müssen in eine zukünftige, stabile und gemeinwohlorientierte Nutzung übergehen können. Wir fordern, dass wir in Umbau- und Veränderungsprozesse verbindlich eingebunden werden und die Mitbestimmung nicht auf symbolische Beteiligung reduziert bleibt. Eine scheinbare Beteiligung der Nachbarschaft auch im Rahmen von Zwischennutzungen nehmen wir nicht hin. 

Sorgeinfrastruktur ergänzt durch Kunst und Kultur

Kunst- und Kulturangebote müssen wohnortnahe Sorgeinfrastruktur wie Sozialarbeit, Jugendräume, Präventionsarbeit ergänzen und das hauptsächlich leerstehende Gebäude zu einem Ort machen, an dem sich Menschen begegnen können. Statt dekorativ zur Profitsteigerung und Imageaufwertung von zukünftigen Konsumflächen beizutragen, müssen Kunst- und Kulturangebote soziale, kulturelle und ökologische Teilhabeprozesse sichern. Wir schließen uns den gesammelten Forderungen aus dem Beteiligungsverfahren 2022 an und möchten für eine Verstetigung und Sicherung von wohnortsnaher Sorgeinfrastruktur plädieren, die durch die Haushaltskürzungen immer prekärer wird. Von Wohnungslosigkeit betroffene oder bedrohte Menschen sowie sichere Konsumräume dürfen nicht weiter verdrängt werden, sondern brauchen zentrale, respektvolle und selbstbestimmungswahrende Orte. 

Transparenz und Mitbestimmung bei der Träger- und Projektauswahl

Von zentraler Bedeutung für eine bedarfsgerechte Zwischennutzung ist ihre Verwaltung, ihre Trägerschaft. Nur wenn der Träger sich ebenso den Forderungen nach wohnortnaher Sozialarbeit, Jugendräumen, Kulturangeboten und Präventionsarbeit verpflichtet fühlt, wird dies auch realisiert. Daher muss Transparenz im Ausschreibungs- und Auswahlverfahren eines Trägers höchste Priorität haben.

Die von uns geforderten Mindestkriterien für die Auswahl sind:
Die Jury soll sich aus lokalen Vertreter*innen von Fachgremien aus den Bereichen Anwohner*innen, Bildung, Sozialarbeit, Kultur und Kunst zusammensetzen.
Es muss die Mitbestimmung für alle beteiligten Projekte an der Zwischennutzung gewährleistet sein und Projekte und Akteure müssen bevorzugt werden, die bereits Erfahrung in der Arbeit im und für das Quartier haben und außerdem die diversen Bedürfnisse der Bewohner*innen und Arbeiter*innen spiegeln. Professionelle qualitative und quantitative Auswertungen müssen den gesamten Prozess begleiten und die Ergebnisse veröffentlicht werden. Sowohl die Projekte, als auch der Träger selbst müssen die Gemeinschaft im Viertel widerspiegeln, um wirklich für die lokalen Bedarfe und Interessen relevant zu sein.

Wir fordern, dass 

  • Karstadt am Leopoldplatz gemeinwohlorientiert genutzt und dieser Gedanke nicht auf Container reduziert wird.
  • die kurz- und langfristige Gestaltung des Karstadt-Gebäudes die bereits in Beteiligungsverfahren eingeholten Bedürfnisse der lokalen Nachbarschaft abdeckt.
  • sozialer und präventiver Arbeit Platz in den Nutzungsplänen eingeräumt wird.
  • soziale, kulturelle und künstlerische Arbeit nicht als Zwischenlösung herhalten, sondern langfristig verankert werden.
  • im Neubau weiterhin und langfristig günstige Räume für Nachbarschaft, soziale Arbeit und Kultur gesichert sind.
  • dieser Ort nicht der Logik von Verdrängung und Renditen unterliegen soll.

entwickelt von:

Karstadt Netzwerk am Leo

Initiativen in Solidarität mit dem Positionspapier:

Deutsche Wohnen und Co. Enteignen – Kiezteam Wedding-Reinickendorf

Sorge ins Parkcenter 

himmelbeet Wedding

Stadtteilkomitee Wedding

bi’bak / SİNEMA TRANSTOPIA

Hände weg von Wedding

silent green Kulturproduktionen GmbH & Co. KG

WIR GESTALTEN e.V.

Café Cralle

Ex-Rota Print gGmbH

Mastul e.V.

Stadtteilvertretung mensch.mueller