Corona Pandemie (COVID-19)

Neben der Organisierung konkreter Solidarität und Hilfe in den Kiezen, sammeln wir Erfahrungen und Berichte, in denen Menschen erzählen, wie sie vom Corona-Virus und den gesellschaftlichen Einschränkungen betroffen sind. Sendet uns Berichte, auf die es wirklich ankommt: die der Lohnabhängigen, der Migrant*innen, der im Gesundheitssektor Beschäftigten und derjenigen, die gesundheitspolitisch wie gesellschaftlich ausgegrenzt sind. Die Krise des Hilfe- und Gesundheitssystems muss „von unten“ erzählt werden. Gemeinsam stehen wir gegen die soziale Vereinzelung.

Unsere Eindrücke sind eine bedeutende Gegenerzählung zu dem hegemonialen Palaver von versagenden staatlichen Behörden, profitorientierten Unternehmen und der „Rettung der Wirtschaft” mit satten Hilfspaketen. Wir bereiten uns kollektiv vor, politische Forderungen für die Zeit nach dieser akuten Krise zu formulieren und benennen zu können. Wie soll ein Gesundheitssystem aussehen, dass Menschen und ihre Bedürfnisse vorne anstellt, nicht Profite und Gewinnerwartungen?

Sendet uns also eure Geschichten!
Wir erzählen, was passiert und machen Druck von unten!

  • Schon eine halbe Seite ist ausreichend!
  • Ob aus der Pflege, der Sozialen Arbeit, anderen Bereichen und Sektoren oder eure alltäglichen und persönlichen Eindrücke

Berichte: arbeitskampf[at]unverwertbar.org

Direkter Kontakt zur Nachbarschaft:
Telegramm-Chat
(Smartphone) / Facebook-Gruppe / Mail

Infosheets (Aufbau solidarischer Netzwerke), Kontaktzettel (z.b. für den Hausflur) und Handreichungen für Nachbarschaftssolidarität in verschiedenen Sprachen erhaltet ihr hier!

Hier eine Übersicht an gesammelten nützlichen Links zu Flucht und Migration, Lohn, Arbeitsrecht, Grundsicherung etc.


Reportagen der Solidarität

  1. W., ein Softwareentwickler aus Neukölln (18.03.20)
  2. M., ein Lehrer aus Wedding (19.03.20)
  3. M., Sozialarbeiter in Ost-Berlin (20.03.20)
  4. A., Kamerafrau und Beleuchterin (21.03.20)
  5. S., Pfleger in Baden-Württemberg (22.03.20)
  6. R., Sozialarbeiter in Berliner Asylunterkünften (23.03.20)
  7. A. , Berliner Taxifahrer (24.03.20)
  8. K., berichtet über Metall-Betrieb in Sachsen (25.03.20)
  9. S., Journalistin in Chemnitz (25.03.20)
  10. D., derzeit in einer Suchttherapie (26.03.20)
  11. G., A. und P. arbeiteten bis zum Corona-Arbeitsverbot in Bdsm-Studios (27.03.20)

Report #1

W. ist 70 Jahre alt und wohnt in Neukölln. Er arbeitet als selbstständiger Softwareentwickler.

18.03.2020

The End of the World as we know it… Heute zum letzten Mal im Schwimmbad gewesen, ab morgen wird es ‚bis auf Weiteres‘ geschlossen. Wann wird ‚das Weitere‘ sein? Ob ich es noch erlebe? Am Donnerstag war das letzte Live-Konzert in unserer Kneipe. Musikveranstaltungen, Konzerte, Open Airs wird es dieses Jahr wohl kaum geben. Das bedrückt mich fast mehr als die Angst mich anzustecken. Was ist das für ein Leben ohne Live-Musik und ohne gemeinsamen Spaß? Zum Glück gibt es da noch Optionen (solange sie uns nicht komplett einsperren): ich werde jetzt endlich den lange geplanten Verteiler von Musikern und Musikliebhabern aktivieren, so dass wir uns an den Wochenenden irgendwo im Freien treffen und Sessions machen. 

Das Gleiche können natürlich auch die sportlich Interessierten oder die Naturliebhaber machen: raus in die Natur. Und auch die politischen Treffen können draußen stattfinden. Mit etwas Abstand und Umsicht dürfte das kein Problem sein. Das könnte vielleicht sogar zu einer Neubesinnung auf die leisen Töne führen, es muss nicht immer Techno sein, der Gesang einer Nachtigall ist faszinierend (die gibt es sogar zahlreich im Görlitzer Park) – wenn man es nur schafft, sich darauf einzulassen, oder die kleinen Blüten und Knospen die gerade überall sprießen. Und es könnte auch dazu führen, dass das Zwischenmenschliche wieder mehr Wertschätzung bekommt.

Es wird jetzt jedem mit einem Schlag deutlich, wie zerbrechlich wir und das Ganze sind, und wie sehr wir auf gegenseitige Hilfe und Rücksicht und auf gemeinsames Handeln angewiesen sind.
Aber, wie in diesem Gesellschaftssystem üblich, liegt auch das Gegenteil nicht fern. Die Mächtigen werden die Situation ausnutzen um die Kontrolle noch feinmaschiger zu machen, die Kontakte von jedem zu jedem ‚müssen ja registriert werden‘. Alles wird abgesperrt, überall die Grenzen wieder hochgezogen, schärfer als zuvor. Und jetzt werden sie auch ihr Ziel forcieren, das Bargeld abzuschaffen, weil es ja infektiös sein könnte, und somit jede noch so kleine Transaktion aufzeichnen und kontrollieren zu können.
 
Wir stehen da an einem Scheideweg, so deutlich wie selten zuvor: vor Allem wie wir mit den Schwächsten und Gefährdetsten umgehen werden in den nächsten Monaten, den Armen, den Obdachlosen, den Flüchtlingen, den Alten – das wird die weitere Entwicklung unserer Gesellschaft bestimmen: Solidarität oder Barbarei. Es liegt auch an jedem Einzelnen, wie es weitergeht. Aber vor allem müssen wir verhindern, dass diese Krise von den Mächtigen und den ewig Gestrigen dazu genutzt wird, unser Leben und unsere Gesellschaft noch tiefer ins Verderben zu stürzen!

(Berlin-Neukölln, 18.03.20)

Report #2

M. arbeitet als Lehrer an einer Schule im Wedding

19.03.2020

Am Dienstag hab ich Dienst

Nach einem verkürzten Schultag am Montag erschienen Dienstagmorgen fast alle Kolleg*innen noch gehorsam zur Schule. Dienstanordnung. 50 Leute saßen Schulter an Schulter in der Mensa mit Gesichtsausdrücken zwischen Verängstigung und Belustigung. Erste Risse waren zu bemerken im Alltag der Schulorganisation. Hieß es nicht, das sei jetzt verboten? Warum waren wir gekommen? Der Bruch war zu ahnen, doch keiner wollte es so richtig wahr haben. Mein Blick schweifte über das Kollegium. Angespannte Stille. Es waren wirklich fast alle Kolleg*innen da.

Abschied vom sogenannten Alltag

Die Welt stand auf dem Kopf, auch wenn der Alltag an unserer Brennpunktschule ohnehin schon einem Ausnahmezustand gleicht. Der vorübergehend erstellte Dienstplan der Schulleitung war jedenfalls heute schon obsolet. Alle wurden überrollt von den Neuigkeiten und ausgeweiteten Maßnahmen. Bis Ende letzter Woche hatte sich die Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) noch selbstbewusst gegen Schulschließungen ausgesprochen. Über das Wochenende brach dann der rhetorische Staudamm und die Welle der Verunsicherung ergriff selbst gestandene Lehrer*innen. Doch gekommen waren die meisten trotzdem, oder vielleicht gerade deswegen?

Am Freitag hab ich frei

„Was heißt das jetzt? Müssen wir uns überhaupt zusammensetzen?“ Ohne große Diskussionen war man sich schnell einig – die Präsenzzeiten sollten auf das Nötigste reduziert und zum Wohle der Kolleg*innen Home-Office angeordnet werden. Na schön, dass ich mich in diesen Raum quetschen durfte, um das zu erfahren! Nachdem alles weitere geklärt war, konnten sich ein paar Kolleg*innen ihr verschmitztes Grinsen nicht verdrücken. Andere wussten nicht anders zu reagieren, als ihren Arbeitsethos zur Schau zu tragen. „Ich bleib hier!“, oder „Bis gleich im Lehrerzimmer!“, hieß es. Sie wollten die Fahne weiter hoch halten. Doch die meisten zogen still und verunsichert ab.

Zwischen Utopie und Katastrophe

Den Abschied von diesem Alltag können sie schlecht genießen, denn er ist eine Utopie am Vorabend der Katastrophe. Und Recht haben Sie damit, denn es sind die Besitzlosen, Armen und Alten, die prekär Beschäftigten auf deren Rücken sich die Krise noch lange nach den Notmaßnahmen entfalten wird. Gruppen, die an den Rand der Gesellschaft gedrängt und dort gehalten werden. Von vielen prekär Beschäftigten wird der Notbetrieb der Gesellschaft und das größte Risiko geschultert werden. Trotzdem ist die Zwangspause für weite Teile der Gesellschaft eine wichtige existenzielle Erfahrung. Sie lässt jeden die Bande in der komplexen arbeitsteiligen Gesellschaft spüren, sie ist Balsam für den allgegenwärtigen Arbeitszwang und bringt uns zum Nachdenken darüber, ob unsere Welt, wie sie ist, auch so sein soll.

(Berlin-Wedding, 19.03.20)

Report #3

M., 35 Jahre alt, arbeitet in der Sozialen Arbeit in Ost-Berlin

20.03.2020

Seit der Corona-Pandemie macht sich die Abgehängtheit der ostzonalen Randbezirke Berlins nur noch stärker bemerkbar. Für diese Abgehängtheit stehen dabei nicht nur die ständig ausfallenden S-Bahnverbindungen für hunderttausende Menschen, die, wenn sie nicht unter der Knute des Jobcenters leben, früh morgens in Massen Richtung Innenstadt fahren. Sie sind es, die überproportional in prekären Arbeitsverhältnissen in den gläsernen Türmen des Kapitals als Outgesourcte, als Leiharbeiter*innen schuften müssen. Hier in den östlichsten Bezirken Berlins, ist die Abgehängtheit in Form ökonomischer und sozialer Armut jederzeit spürbar. Eine hohe Kinderarmutquote (fast ein Drittel aller unter 18 Jahre), fehlende ärztliche Infrastruktur und statistisch übermäßig viele Alleinerziehende sowie Transferleistungsempfänger*innen sind für die Ostberliner Randbezirke Lichtenberg und Marzahn-Hellersdorf charakteristisch.

Gesundheit ist nicht für alle erreichbar. In beiden Bezirken fehlt es an allen Ecken und Enden an ärztlicher Infrastruktur. So gibt es im Lichtenberger Ortsteil Hohenschönhausen kein einziges Krankenhaus. In einem Stadtteil mit über 100.000 Bewohner*innen! Gesundheit ist eine Klassenfrage, soweit bekannt. Bekommst Du einen Arzttermin? Kannst Du Dir die Zusatzkosten der Medikamente leisten? Liegst Du in einer Privatklinik oder in einem öffentlichen Krankenhaus? Deine Genesung und letztlich deine Überlebenschancen sind mitunter daran geknüpft. Das Coronavirus definiert keine Klassen. Dies tun unter anderem unsere Arbeitsverhältnisse. Es führt uns aber vor Augen, wie stark Gesundheit und soziale Teilhabe abhängig sind vom persönlich zur Verfügung stehenden Kapital.

Die Faschisten und Sozialchauvinisten der AfD versuchen die Pandemie rassistisch zu verklären und hetzen ununterbrochen. In Bezirken mit einem AfD-Stadtrat (Frank Elischewski, Lichtenberg) bzw. einem stellvertretenden Bürgermeister (Thomas Braun, Marzahn-Hellersdorf) ist das Öl ins lodernde Feuer. Die Partei erzielte bei der vergangenen Berlin-Wahl in einigen Wahlkreisen zwischen 30 und 35 Prozent. Die Eindämmung rechter und faschistischer Kräfte wird auch davon abhängen, inwieweit die Parteipolitik Lehren aus dem konsequenten Versagen „marktorientierter Gesundheitspolitik“ ziehen wird.

Die Rekommunalisierung von Krankenhäusern, die Schaffung gut bezahlter Arbeitsverhältnisse im Gesundheitssektor, kostenlose medizinische Versorgung unabhängig vom Einkommen, die Ausnahme des Gesundheitssektors von der kapitalistischen Profitlogik und vieles mehr: kurzum eine sozialistische Gesundheitspolitik ist notwendiger denn je. Das Coronavirus hämmert es uns allen mit Dringlichkeit in den Kopf.

(Berlin-Wedding, 20.03.20)

Report #4

A. (29) lebt seit mehreren Jahren in Berlin. Sie arbeitet als Kamerafrau und Beleuchterin.

21.03.2020

Vor vier Wochen kam ich aus Mexiko zurück. Ich hatte meine Familie besucht, Freund*innen aus der Schulzeit gesehen. Das war Anfang Februar. Da klang die Corona-Epidemie wie etwas sehr weit entferntes: Wuhan, China.

Während meines Aufenthalts in Mexiko habe ich als Fotografin für deutsche Medien gearbeitet und einige Projekte durchgeführt. Wie immer für wenig Geld und mit wenig Absicherung. Mein Konto in Deutschland war, wie üblich, nicht gerade prall gefüllt, aber für ein bescheidenes Leben in Berlin hat es bisher immer gereicht. 

Ich arbeite als selbstständige Kamerafrau und Beleuchterin. Da ist nicht viel Luxus drin, aber ich kann mein Leben normalerweise trotzdem so führen, wie ich es will. Nach meiner Rückkehr nach Berlin hatte ich das Angebot bei zwei Filmprojekten mitzuarbeiten. Aber beide wurden wurden abgesagt. Langsam schlich sich die Angst vor dem Virus auch in meine Arbeitswelt. Ich diskutierte mit einigen Kolleg*innen. Die meinten nur: „Pech gehabt!“ In diesem Moment dachte ich: “Warum nur sagen die das ab? Wir werden schon nicht an dem Virus sterben”. 

Langsam begann auch ich den Druck zu fühlen. Ich suchte stundenlang nach Jobs, rief alte Kontakte an, durchforstete das Internet nach Aufträgen in der Filmbranche. Aber nach und nach wurde klar, dass eigentlich alle Dreharbeiten abgesagt werden würden. Jetzt wissen wir sicher, dass wir alle, die selbstständig im Bereich der Kultur und Kunst arbeiten, mindestens zwei oder drei Monate arbeitslos sein werden, vielleicht bis Juni, vielleicht noch länger.

In diesen Tagen habe ich viel über die Bedeutung dieser Art von Arbeit nachgedacht, die zumeist prekär ist. Sich eine Welt ohne Konzerte, Filme oder Bier in der Bar vorzustellen, in der meine Freund*innen arbeiten, ist nicht die Welt, in der ich leben möchte.

Natürlich weiß ich, wie wichtig es ist, die Ausbreitung des Virus zu verhindern. Es ist richtig Dreharbeiten abzusagen. Aber gleichzeitig weiß ich, dass wir in einem System leben, in dem künstlerische Arbeit ohnehin schon sehr gering geschätzt und schlecht bezahlt wird. Wie es finanziell weitergehen soll, weiß ich nicht. Auf den Staat und die Regierung hoffe ich nicht. Vielmehr versuchen ich mich mit Freund*innen in ähnlichen Situationen zu organisieren, um in der nächsten Zeit durchzukommen.

Gleichzeitig weiß ich, dass es einige noch härter trifft. Was ist mit denen, die kein Zuhause haben, keine Krankenversicherung? Die schlecht bezahlt in Krankenhäuser und Pflegeheimen arbeiten? Für die Kassiererinnen bei Lidl, Netto und Aldi? Ich hoffe, dass wir durch die Krise lernen, die Dinge anders zu sehen. Uns bewusst zu werden, welchen Wert all die schlecht bezahlten Jobs haben, die jetzt plötzlich so essenziell sind. Und dass wir anfangen uns zu überlegen, wie wir die Dinge verbessern können.

Das kapitalistische System scheint zu wackeln – aber richtig freuen kann ich mich darüber noch nicht.

(Berlin, 21.03.20)

Report #5

S. (27) arbeitet in Baden-Württemberg als Pfleger. Derzeit befindet er sich in häuslicher Quarantäne.

22.03.2020

An meinem letzten Arbeitstag in der Klinik bekamen wir den ersten Verdachtsfall auf Covid-19. Die zuständige Kollegin der Intensivstation klagte, dass notwendige Isolationsmaterialien wie Masken und Kitteln nicht sofort greifbar waren. Es gab Berichte, dass Besucher und Angestellte Desinfekionsmittel für den Eigenbedarf entwendet hätten. Daher wurden Schreiben an Aushängen angebracht, dies bitte zu unterlassen. Die Stimmung war in diesen ersten März-Tagen aber im Allgemeinen entspannt.

Als der dringende Verdacht bestand, dass sich meine Freundin und ich infiziert haben könnten, wurde (zumindest bei ihr) schnell reagiert. Sie, selbst als Hebamme im Krankenhaus tätig, wurde sofort notfallmäßig in die Klinik bestellt, um einen Abstrich durchzuführen. Leider wurde praktisch nur wenig auf die empfohlenen Hygienemaßnahmen geachtet. Der Test ging zudem verloren, sodass am nächsten Tag ein weiterer notwendig wurde.

Da ich nur die dritte Person in der Infektionskette war, und keinen direkten Kontakt zur positiv-getesteten Person hatte, herrschte anfangs Unklarheit wie ich mich nun zu verhalten habe. Nachdem ich das mich beschäftigende Krankenhaus benachrichtigte, hieß es anfangs, dass bei mir keine Gefahr bestünde und ich daher meinen Nachtdienst am Abend antreten müsse. Ich wurde auch darauf hingewiesen, dass ich dazu verpflichtet sei und während meines Dienstes Mundschutz tragen solle. Nach zahlreichen Rücksprachen zwischen der Klinik- und Bereichsleitung und mehreren Telefongesprächen wurde ich schließlich angewiesen, nun doch vorerst zu Hause zu bleiben.

Allerdings sollte ich mich darum kümmern, dass bei mir ebenfalls ein Abstrich durchgeführt wird. Ansässige Ärzte forderten mich auf das Gesundheitsamt, die Hotline 116117, oder die Uniklinik zu kontaktieren. Gesundheitsamt und Bereitschaftsdienste waren aufgrund vieler Anrufe überlastet und nicht zu erreichen. Die Uniklinik verwies mich wiederum an den Hausarzt. Erst als ich angab als Krankenpfleger Dienste abzuleisten hätte, wurde ich für den nächsten Tag zur Klinik bestellt.

Wir, als Fachkundige, konnten mit dieser unübersichtlichen Situation relativ differenziert umgehen und die Ruhe bewahren. Für Menschen, die von diesem Thema wenig verstehen, eine bestimmt beängstigende Situation.

Als der positive Befund meiner Freundin vorlag, wurden wir vom Gesundheitsamt sofort angewiesen uns räumlich zu trennen, da kurz darauf die Nachricht meines negativen Befunds kam. Seitdem dürfen wir nicht gemeinsam die Küche benutzen, sollen uns möglichst nicht im gleichen Raum aufhalten, Kontakte auf das Notwendigste reduzieren und dabei einen Mindestabstand von zwei Metern einhalten.

Meine Partnerin, die die ersten Tage starke Grippesymptome hatte und bis jetzt meine Pflege benötigt, erlitt am ersten Tag einen Nervenzusammenbruch. Wir erhalten unsere Verpflegung von ihren Eltern an die Tür geliefert und unterhalten uns durch das geschlossene Fenster. Beklemmende Momente, die ins Grübeln bringen.

Das Schlimme ist, dass die Menschen die eigentliche Gefahr, trotz guter Information seitens der Behörden, nicht erkennen. Sie sagen Influenza sei viel schlimmer, fordere mehr Opfer und darum mache niemand so einen Aufstand. Das Problem ist, dass unser ohnehin schon am Limit funktionierendes Gesundheitssystem kollabiert, wenn plötzlich viele auf einmal erkranken.

In so einer Ausnahmesituation zeigen die Menschen ihr wahres Gesicht. Die einen handeln egoistisch oder leichtsinnig, die andern werden aktiv, halten die Gesellschaft zusammen. In meiner Wahrnehmung ist sich die Mehrheit ihrer Verantwortung bewusst und solidarisch. In diesen Tagen der Quarantäne erfahren wir soviel Hilfsbereitschaft und Zuneigung. Ob es Einkäufe sind die gebracht werden oder Telefongespräche, die man führt. Soviel Kontakt mit Freunden und Familie, wie in diesen Tagen, hatte ich selten. Man rückt zusammen, man achtet auf den Anderen. Man besinnt sich aufs Wesentliche, aufs WIR. Das ist das positive, was ich der Isolation abgewinne und das Wichtigste für uns alle, diese Krise zu bewältigen.

zum Anfang

(BW, 22.03.20)

Report #6

R.(35) arbeitet als Sozialarbeiter in Berliner Asylunterkünften

23.03.2020

Ich bin deutscher Staatsbürger und arbeite als Sozialarbeiter in den Asyl-Unterkünften Berlins, die seitens der rot-rot-grünen Landesregierung als humane Lösung für asylsuchende Menschen vermarktet werden und möchte meine Beobachtungen darlegen wie die sich aktuelle Situation, in Zeiten des Corona-Notstandes, in den Modular-Häusern (MUF) sowie Container-Dörfern (Tempohomes) gestaltet und wie asylsuchende Menschen wiedermal, dank des entmenschlichenden Asylgesetz als Menschen zweiter Klasse behandelt werden: In den MUFs und Tempohomes wohnen 250-500 Personen dicht an dicht zusammen und sind der alltäglichen Totalüberwachung unterworfen.

Diese Überwachung gestaltet sich einerseits der physischen und sichtbaren Natur, durch die Ab- und Anmeldung an der Security-Kabine, sobald eine Person das Lager betreten oder verlassen, oder ihre Post von den Sozialarbeiterinnen abholen möchte, weil niemand im Lager einen eigenen Briefkasten besitzt. Anderseits gibt es strukturellere und indirekte Kontrollen wie z.B. die Aufzeichnung der elektronischen Chips in MUFs, sobald Menschen ihre Zimmer-Türen damit auf- und zumachen oder generelle Videoaufzeichnung des Gebäudes, das ohnehin eingezäunt ist. In diesen menschenunwürdigen Gebäuden wohnen entweder Familien, oder alleinstehende Menschen größtenteils auf kleinstem Raum; Einzelräume für kranke Personen sind sehr selten.

Nun werden diese Lager, die industriell und profitabel, für mittel- und langfristige Lagerung von ca. 20.000 asylsuchenden Menschen gebaut wurden und werden, und von ihrer Konzeption her wie Quarantäne-Dörfer in Notfällen aussehen, selbst unter Quarantäne gestellt, was mehrere Widersprüche dieser strukturell-rassistischen Gesamtidee aufzeigt: Die lohnarbeitenden Menschen, die in der Lagerindustrie angestellt sind (Sozialarbeiterinnen, Security etc.), werden während ihrer Arbeit einer hygienischen Situation ausgesetzt, die nicht notwendig wäre, wenn die asylsuchenden Menschen von Anfang an wie vollwertige Menschen betrachtet worden wären; oder wenn sie, im Speziellen nach mehreren Jahren Aufenthalt in Berlin, in gewöhnlichen Wohnungen untergebracht wären. Diese Situation ist aber in der Lagerhaltung notwendig, um asylsuchende Menschen permanent und strukturell kontrollieren und individuell bevormunden zu können, um das juristisch-überlegene Nationalrecht Deutschlands an ihnen und ihrem minderwertigen Asylrecht auszuüben.

Zudem führt diese Quarantäne-Situation dazu, dass asylsuchende Menschen wieder einmal ausgegrenzt werden: Einmal, weil es offensichtlich wird, dass ihre strukturelle Wohnsituation keine ist, die generell den menschenwürdigen und medizinischen Hygiene-Standards entspricht und sie in jenen vollen und engen Lagern umso mehr einer Infektionsgefahr ausgesetzt sind; und zweitens, weil ihr Wohnort insgesamt als “migrantisches Keim-Ghetto” den lokalen Nachbarschaften und medial in der Öffentlichkeit degradierend zur Schau gestellt wird, obwohl die asylsuchenden Menschen, die dort leben müssen, sich in der selben Situation befinden, wie die außerhalb des Lagers.

zum Anfang

(Berlin, 23.03.2020)

Report #7

A. ist 52 Jahre alt und in Berlin als Taxifahrer angestellt

24.03.2020

Heute, am 21. März, bin ich an meinem regulären freien Tag bei kaltem, klaren Wetter alleine durch den Treptower Park spaziert, konnte innerlich wie äußerlich frische Luft tanken. Der Park war gut besucht: Paare, Familien, JoggerInnen…. aber alles auf Abstand bedacht.

Beruflich bin ich ab komender Woche auf Kurzarbeit gesetzt, soll noch 40% meiner bisherigen Arbeitsleistung erbringen, ergo 2 Tage in der Woche fahren. Die Umsätze im Taxigewerbe brachen seit dem Ausfall der Internationalen Tourismusbörse massiv ein. In den ersten zwei Märzwochen hatte ich immerhin noch Umsätze von knapp 15 Euro je Stunde. Seit Beginn der drastischen Maßnahmen am 15.3. jedoch nur noch 1-3 Fahrten am Tag. Normal sind 8-12. Ich fahre Spätschicht, also so ab 17 Uhr bis 1:00 Uhr- eigentlich. Weil abends wegen der frühen Schließzeit der Restaurants gar nichts los ist, habe ich in der letzten Zeit nach 4-5 Stunden “freiwillig” abgestellt, bekomme also auch nur diese bezahlt.

Die wenigen Fahrten in den letzten Tagen waren ausgesprochen sinnvolll, z.B. eine prekär Selbständige mit Vorerkrankungen von der besten Freundin nach Hause, ältere Leute von Familienbesuchen, osteuropäische Bauarbeiter, die ihe Familen nicht sehen können, von Lidl zur Unterkunft.

Kurzarbeit statt völligem Zuhausebleiben ist sinnvoll- könnten Taxen doch ein Bindeglied zur Notfallversorgung in Krankenhäusern sein oder zur Aufrechterhaltung der Versorgung zuhause dienen. Care-WorkerInnen müssen zur Arbeit fahren, nicht alle haben ein Auto. Taxen können definitiv hygienischere Bedingungen bieten als U- und S-Bahn. Der Arbeitsschutz beschränkt sich bei uns jedoch bislang darauf, dass eine viruzide Händelotion und bedingt viruzide Reinigungstücher für die von den Fahrgästen angefassten Oberflächen ausgegeben wurden.
Darüber hinaus habe ich mir privat geeignete Handschuhe besorgt. Ich lasse möglichst niemanden mehr auf dem Beifahrersitz sitzen, öffne die Fenster einen Spalt breit und meide öffentliche Toiletten. Der Arbeitsschutz obliegt aber dem Arbeitgeber. Wenn mein Beruf, der für mich mehr ist als nur Broterwerb, in diesen Notzeiten einen Sinn machen soll, ohne sich selbst und andere zu gefährden, muss da mehr passieren! Am besten wäre es, immun zu sein… aber den leichten Verlauf einer Infektion kann niemand garantieren.

Bislang stehen wir unsinng herum, sind irgendwo zwischen denen, die zuhause bleiben sollen und denen, die unbedingt arbeiten sollen, vergessen. Die vielen prekär Selbstständigen und Scheinselbstständigen im Taxigewerbe bekommen noch nicht einmal Kurzarbeitergeld. Ich habe keine Wahl, als den halben Tag lang am Halteplatz auf ein Wunder zu warten, das nicht kommt… hatte da am Hermannplatz am Freitag ein Gespräch mit einem Kollegen.

Ein Wort noch zu den An- und Abreisewegen per U-Bahn zu meinem Arbeitsplatz. Der liegt in Kreuzberg, meine Wohnung in Friedrichshain. Nachmittags erscheint die Welt noch fast in Ordnung, nur leerer. Viele Menschen sind rücksichtsvoller, aber einige drängeln wie gehabt und springen in abfahrbereite Bahnen. Nachts, so ab 22 Uhr, wird die Situation aber schon zunehmend skurril. Schnorrer sprechen immer verzweifelter die wenigen anderen Fahrgäste an, es liegen ja auch kaum mehr Pfandflaschen rum. Am Feitag sah ich auf mehreren U-Bahnhöfen DrogengebraucherInnen, die auf dem Bahnsteig völlig offen ihren Stoff auf einem Löffel erwärmten oder in einer Platikflasche inhalierten. Trotz Kameras scheint ihnen alles egal zu sein…

Aber es gibt im spätabendlichen Berlin auch zu Corona- Zeiten schöne Momente. Manche schauen bestürzt, wenn mensch sich das offen getragene Feierabendbier vom Kiosk nicht nehmen läßt, aber andere lächeln eines deshalb auch an, trauen sich wohl nicht mehr das bislang selbstverständliche- was mit Abstand zu anderen völlig safe ist- zu tun.

Am Donnerstag habe ich um 23.00 Uhr für mich alleine auf der Bank vor einem für take away offenen Imbiss Rigatoni Bolognese und ein Weizenbier genossen… stilecht mit Teller und im Glas. Die BeamtInnen in dem langsam auf der leergefegten Partymeile vorbeischleichenden Streifenwagen haben aufgrund meiner einsamen Simulation eines Biergartens nicht schlecht gestaunt… sind aber vorbeigefahren.

Arbeit sollte endlich wieder daran gemessen werden, ob sie sozialen Sinn macht (nicht am Profit) und derzeit nur dann- und unter den bestmöglichen Bedingungen für die Gesundheit aller- stattfinden.

Lassen wir uns nicht unterkriegen!

zum Anfang

(Berlin, 24.03.20)

Report #8

K. ist 29 Jahre alt und kommt aus Sachsen

25.03.2020

Eine Freundin arbeitet in einem Metall-Betrieb in Sachsen. Sie möchte anonym bleiben und deshalb ihren genauen Arbeitsort nicht verraten. 

Letzte Woche arbeitete sie eng mit ihrem Vorarbeiter in der Schicht zusammen. Am Tag darauf erschien der Vorarbeiter nicht zur Arbeit, weil er Fieber hatte. Er ließ sich testen und es kam heraus, dass er mit dem Corona-Virus infiziert ist.

Der Geschäftsführer des Betriebs sieht kein Problem. Er sagt, die Arbeit könne normal weitergehen und der Vorfall hätte keine Auswirkungen auf die anderen Arbeiter*innen.

Eine andere dort arbeitende Person beschwerte sich daraufhin über diesen fahrlässigen Umgang. Die Person sagte, sie pflege ihre kranken Eltern und könne kein Risiko eingehen, was eine mögliche Infizierung betrifft. Der Geschäftsführer fuhr sie daraufhin scharf an. Die Person ist momentan nicht mehr im Betrieb, die Angestellten gehen von einer unbezahlten Beurlaubung aus. Meine Freundin und andere haben Bedenken, sich nun krankschreiben zu lassen und arbeiten einfach weiter.

zum Anfang

(Sachsen, 25.03.20)

Report #9

S. ist 30 Jahre alt und arbeitet als Journalistin in Chemnitz

25.03.2020

Versuche, diese Aufgaben zu lösen!
Mit diesem Satz sind die Matheaufgaben für die erste Corona-Woche einer Drittklässlerin im Erzgebirge übertitelt. Nennen wir sie Marie. Marie könnte aber auch Mehmet, Cindy oder Pavel heißen. Frederik, Marianne oder Marie-Sophie eher nicht.

Was Marie mit anderen Kindern gemein hat: Sie darf in den kommenden Wochen zuhause bleiben. Ihre Schule wurde, wie die meisten im ganzen Bundesgebiet, geschlossen. Sie wohnt in einem winzigen Dorf im Erzgebirge und kann sich nun jeden morgen eine halbe Stunde Schulweg sparen. Ihre Mutter wurde von ihrem Minijob freigestellt, um die Tochter zu betreuen. Einen Vater gibt es nicht.

Marie ist wie alle anderen Schulkinder auch derzeit in der Pflicht, zuhause weiter zu lernen. Wie sie das machen soll, ist ganz individuell. Das kann jede Schule halten wie sie möchte. Manche Schulen hängen sich rein, andere tun das Nötigste. Kontrolliert wird das aktuell nicht. Marie hat für ihr Eigenstudium mehrere zusammenkopierte, von der Lehrerin handschriftlich verfasste Zettel ausgehändigt bekommen. Für jede Woche eine Seite mit Aufgaben- geplant bis Ende April.

Die Aufgaben sind machbar, leicht verständlich. Gearbeitet wird mit dem, was da ist – also Lehrbüchern und dem rudimentären Wissen von Eltern, die eher kein Semester Philosophie und BWL hinter sich haben. Der Duktus: Tu dies, bitte tu das. Die Matheaufgabe der ersten Woche: „Bitte, versuche, die folgenden Aufgaben zu lösen“. Scheitern scheint inbegriffen. Die Erwartung der Lehrerin an ihre Schulkinder ist sichtbar hoch.

Zur gleichen Zeit in Chemnitz, wobei es auch Dresden, Leipzig, Berlin oder Heidelberg sein könnte, brennen viele Eltern vor Motivation. Viele von ihnen sind selbst Lehrer, Kreativmenschen, Akademiker*innen und Schreibtischarbeitende – Homeoffice ist für sie meist kein Problem. Manche leben alternative Familienkonzepte, dadurch wird der Kreis der motivierten Ansprechpersonen für die Schulkinder groß. Bildung ist kein Problem, für jedes Thema sind Fachpersonen zur Hand, die ihr Wissen gerne teilen wollen. Besorgte Eltern überflügeln sich regelrecht mit ausgefeilten Homeschooling-Konzepten. Spaß soll es machen, informativ sein. Progressiv sowieso. Und wenn dabei noch der ein oder andere Wissensknick aus der Schule ausgebügelt werden kann, umso besser. Erfolge, lustige Zitate und Lernfortschritte werden in den Sozialen Netzwerken geteilt, dort findet Austausch statt. Diese Eltern lassen sich nicht alleine, sie bestärken sich, sind solidarisch, machen das Beste aus der Krise.

Maries Mutter kennt diese Eltern nicht. Ist nicht Teil von Netzwerken. Sie, jahrzehntelang Hausfrau, würde sich an solchen Debatten auch nicht beteiligen, ihr fehlen die Worte. Den Müttern und Vätern der anderen Kinder in Maries Klasse geht das ähnlich. Wie überall im Ländlichen Raum, in Familien bildungsferner Schichten. In den unteren Klassen.

Eine Bekannte arbeitet derzeit in einer Grundschule in Berlin. Diese gilt als schwierig, hat einen großen Anteil an Kindern, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Es gibt eine große soziale Durchmischung. Die Lehrerin ist für diese Kinder trotz Ausgangssperre da. Sie alle haben ein Handy und sind digital erreichbar. Können ihrer Lehrerin per Messenger Fragen stellen, Sorgen und Nöte loswerden und stehen in Kontakt mit ihr. Sie überlegt sich immer wieder neue Aufgaben, fördert ihre Schützlinge beim Lernen. Nicht ideal, aber progressiv.

Digitales Lernen wird auch in Sachsen praktiziert, allerdings nicht an allen Schulen. Denn gerade im ländlichen Raum ist Internet noch immer nicht überall verfügbar. Ebenso die nötige Technik. Nicht jeder Haushalt hat einen Computer. Nicht alle Kinder haben Menschen im Umfeld, die einen Computer bedienen können.

Marie hat nach dem Ende der ersten Woche ihr Pensum noch nicht absolviert. Sie hat gemalt, gespielt, ferngesehen. Kontrolle? Fehlanzeige. Maries Mutter erinnert sie ab und an daran, hat aber neben dem Haushalt, genug eigene Aufgaben zu bewältigen. Marie weiß nicht, wie sie ihre Lehrerin erreichen kann. Ob diese das überhaupt möchte. Da existiert kein Diensthandy mit schneller Bereitschaft, kein Chat für Hausaufgabenhilfe. Es gibt eine Bereitschaftsnummer der Schule. Aber welches Kind getraut sich denn, im abstrakten Apparat Schule anzurufen? Digitalangebote der öffentlich-rechtlichen Fernsehsender gehen an dieser Familie vorbei. Sie ist isoliert. Physisch, bedingt durch Corona, inhaltlich schon immer. Sozial sowieso.

Es braucht ein Dorf, um ein Kind zu erziehen, heißt es in einer alten Weisheit. Doch viele Kinder haben kein Dorf um sich. Die Schule hat die Aufgabe, zumindest einen Teil des Dorfes zu ersetzen. Sie hat die Aufgabe, mit der Vermittlung eines fundierten humanistischen Grundwissens, Kinder auf ein Leben in der Gesellschaft vorzubereiten. Für ein bisschen Gleichheit zu sorgen. Idealerweise erschafft die Schule kritische Geister, die die Gesellschaft progressiv voranbringen, verbessern, Gräben kreativ überwinden.

Durch Covid-19 fällt dieses Element weg.

Maries Mutter sagt, als ihr von den Lernstrategien anderer Familien erzählt wird: „In der Gegend ist es eh zu spät. Ich erwarte von niemandem mehr etwas.“ Über die Schule wolle sie sich aber nicht beschweren, dort sei man doch nett zu Marie. Man gebe sich Mühe. Versuche, diese Aufgabe zu lösen!

zum Anfang

(Chemnitz, 25.03.20)

Report #10

D. ist 33 Jahre alt und macht derzeit eine Suchttherapie

26.03.2020

Hallo,

ich befinde mich seit Mitte Dezember in einer Suchtklinik und mache eine Entwöhnung. Als ich hier angefangen habe, war das Coronavirus noch kein Thema. Jetzt haben wir die Pandemie und ich berichte kurz von den Ereignissen hier.

Als die ersten Fälle in Deutschland und dann auch in Berlin bekannt wurden, wurde das Virus natürlich immer mehr zum Gesprächsthema, in unseren Unterhaltungen und es wurden die ersten Bedenken geäußert, Spekulationen angestellt und bald kamen die Gerüchte auf. Wir sind bis zu 60 Rehabilitandinnen und leben hier für vier bis 10 Monate auf relativ engem Raum, hauptsächlich in Ein- oder auch in Zweibettzimmern.

In einer Großgruppe, die hier bis vor zwei Wochen noch stattfanden, wurde uns von unserer Ärztin erklärt, unsere Klinik sei zurzeit der sicherste Platz für Suchtkranke. Und es wurde auf Verhaltensregeln, wie z.B. das regelmäßige und gründliche Händewaschen oder in die Armbeuge niesen und husten, eingegangen. Wir konnten weiterhin Besuch empfangen und Ausgänge machen.

Mit den neuen Empfehlungen der Bundesregierung wurden auch bei uns die Regeln verschärft. Ausflüge sind gestrichen, ohnehin schlossen Theater und Sporthallen, die Großgruppen werden geteilt, Besuch darf nur noch mit Einschränkungen empfangen werden und die Atemalkoholkontrolle findet jetzt draußen, vor dem Fenster, statt.

Hinzu kam letzte Woche, dass ein Freund von mir, der mich noch zwei Wochen vorher besucht hatte, positiv auf Corona getestet wurde. Die Pflegekräfte reagierten erstmal gar nicht auf meinen Hinweis. Ich ließ auch übers Wochenende nicht locker und als ich es dem Arzt bei der Visite am Montag erzählte, beschloss er mich zu isolieren. Das mit der Isolierung hat nicht so ganz funktioniert. Ich bekam zwar ein Einbettzimmer, aber ich hatte regelmäßig Kontakt zu den Pflegekräften. Ein Rehabilitand brachte mir regelmäßig Kaffee und auch andere kamen in meine Nähe. Ich durfte auf der Feuertreppe rauchen. Nach zwei Nächten bekam ich am Abend das negative Ergebnis des Tests mitgeteilt. Bei manchen schien das Erleichterung hervorzurufen, so auch bei mir. Mein Vater bekommt gerade eine Chemotherapie und meine Mutter war mich am Wochenende noch besuchen. Außerdem war eine andere Rehabilitandin in Quarantäne, weil sie Symptome hatte. Auch sie wurde mittlerweile negativ getestet. Trotz allem gibt es Heimfahrten und in der Umgebung dürfen wir Ausgänge machen, z.B. um Einkäufe zu erledigen.

Natürlich ist auch hier das Virus Thema Nummer eins. Die Therapie leidet etwas darunter. Bisher haben wir Glück, dass keine Ausgangssperre beschlossen wurde. Einerseits mache ich mir Sorgen, dass das Virus in die Klinik eingeschleppt wird, anderseits belasten die zusätzlichen Maßnahmen. Viele Rehabilitand*innen machen sich Sorgen, wohin das noch führen wird. Wir sind sowieso abgeschnitten und haben strengere Regeln. Eine Quarantäne oder gar die Schließung der Klinik, mangels Personals, sind meine größten Befürchtungen.

zum Anfang

(26.03.20)

Report #11

Die drei Verfasserinnen G., A. und P. arbeiteten bis zum Arbeitsverbot wegen Corona in Bdsm-Studios

27.03.2020

Seit Ende letzter Woche habe ich Arbeitsverbot in meinem Job, um die Infektionsgefahr mit dem Corona Virus gering zu halten. So weit verständlich und sinnvoll.

„Viel Zeit, all das zu tun, was ich schon seit langem machen wollte: Lesen, Renovieren, Reparieren, Schreiben“, dachte ich am Anfang noch. Und in der Tat, mir wird vorerst nicht langweilig. Aber hauptsächlich aus dem Grund, dass ich mir überlegen muss, wo ich jetzt das Geld her hole. Jetzt, wo für mich als Selbstständige nichts reinkommt.

Ich bin Sexarbeiterin, und zwar aus Überzeugung. Und natürlich aus der Notwendigkeit, meinen Lebensunterhalt zu verdienen. Ich habe auch ein Diplom und eine abgeschlossene Ausbildung, mich aber für diesen Beruf entschieden, weil ich ihn wichtig finde in unserer Gesellschaft. Weil das, was ich tue, anderen hilft. Das ist Psychotherapie und Körperarbeit in einem. Dass das jetzt wegfällt für meine Klient*innen, ist schon schlimm genug. Aber bei mir kommt de facto kein Geld rein. Ich muss kreativ werden, nach Online-Möglichkeiten suchen, oder nach etwas ganz anderem, aber auch Firmen, für die man komplett aus dem Home-Office arbeiten könnte, sind momentan mit der Situation überfordert, stellen erst einmal niemanden neu ein, so die Antworten.

Webcam, Telefonsessions – das kommt prinzipiell infrage, aber auf die Idee sind natürlich auch schon andere gekommen, das Angebot ist groß. Wie sich die Nachfrage über die nächsten Wochen entwickeln wird, muss man sehen. Draußen feiern Leute Coronaparties und ich denke mir: „wer fest angestellt ist, kann das ja relativ leicht in Kauf nehmen und es feiern, nicht arbeiten zu müssen.“ Wir Freiberufler*innen müssen aber darauf hoffen, dass sich das Arbeitsverbot nicht zu lange hinzieht, denn Miete und Krankenkasse müssen schließlich weiterhin bezahlt werden. Und essen möchten wir auch noch.

Gleichzeitig denke ich mir auch: Ich stehe wahrscheinlich noch relativ gut da, denn ich habe immerhin noch ein Dach über dem Kopf, habe Bildung genossen und kann einigermaßen problemlos Sozialleistungen beantragen, falls es nötig wird. Sexarbeit wird aber auch von vielen Personen gewählt, die es schwer haben in Deutschland, weil sie hier keinen festen Wohnsitz haben, weil ihr Umfeld den Job nicht akzeptieren würde, oder weil sie aus allen möglichen Gründen durch das soziale Netz fallen. Schon alleine deshalb brauchen wir jetzt schnelle und unbürokratische Hilfen wie das bedingungslose Grundeinkommen.

Und wer weiß, wie es dann überhaupt weitergeht, in der Zukunft. Leni Breymaier (SPD) freut sich auf Twitter, dass das vorübergehende Arbeitsverbot für SexarbeiterInnen quasi ein Probedurchlauf für ein von ihr angestrebtes generelles Sexkaufverbot ist: „#Corona. Geht doch. Man(n) kann ja schon mal üben.“ (Tweet vom 14.3.20)

Was üben wir denn da? Kein Geld zu haben? Hartz IV Anträge auszufüllen? Unseren Beruf in gefährlicher Illegalität auszuführen? Das Gefühl zu ertragen, nicht ernst genommen zu werden als Personen mit freiem Willen zu unserer Berufswahl, der uns immer und immer wieder abgesprochen werden soll?

Wir brauchen Unterstützung. Jetzt finanzieller Art und später, wenn es darum gehen soll, das Schwedische Modell einzuführen, dann brauchen wir politische Unterstützung. Das Schwedische Modell ist antifeministisch und entmündigend. Wir brauchen Respekt. Wir brauchen Sichtbarkeit, damit wir nicht einfach heimlich, still und leise unter den Teppich gekehrt werden.

Wir möchten nicht üben für etwas, das uns das Recht auf freie Berufswahl nimmt. Wir möchten auch nicht dafür üben, von Sozialleistungen zu leben. Wir möchten eine Entstigmatisierung seitens der Gesellschaft, der Behörden und der Politik. Wir möchten, wie jeder andere Mensch auch, dass diese Krise möglichst schnell und mit möglichst wenig Verlusten vorüber geht, und dass wir dann weder auf der Straße sitzen noch unser Beruf dann auch noch von antifeministischen Moralaposteln unter dem Vorwand, es ginge um unseren Schutz, illegalisiert wird. Wir möchten ernst genommen werden und wir möchten, dass uns Respekt entgegen gebracht wird und dass wir soziale und finanzielle Sicherheit haben, wie in anderen „normalen“ Berufe auch.

Bezüglich der momentanen Ausnahmesituation möchten wir, dass alle die Einschränkungen ernst nehmen, damit die Infektionskurve verflacht wird (#flattenthecurve) und die Arbeitsverbote und ggf. Ausgangssperren dann auch möglichst schnell wieder aufgehoben werden und wir wieder arbeiten können.

Wir brauchen schnelle, unkomplizierte finanzielle Unterstützung (auch für nicht registrierte SexarbeiterInnen) im Sinne von Verdienstausfall, nicht als Kredite oder Hartz4. Und besonders wichtig: Wir sind absolut bereit, einige Zeit auf die Ausübung unseres Berufes zu verzichten um Menschen aus Risikogruppen zu schützen und unseren Teil dazu beizutragen, das Gesundheitssystem am Funktionieren zu halten, aber auf keinen Fall darf das ausgenutzt werden, um unter dem Deckmantel der Corona-Prävention längerfristige Berufsverbote zu erwirken!

Wir rufen alle dazu auf mit uns solidarisch zu sein, sich unseren Forderungen anzuschließen, außerdem solidarisch mit all jenen zu sein, die von Corona besonders betroffen sind und hoffen, dass wir alle möglichst bald und mit so wenig Schaden wie möglich aus der Krise kommen.

zum Anfang

(Berlin, 27.03.20)